Die Aktualität der Kunst ist eine des Begreifens – dies ist die Bestimmung, um die Anselm Haverkamp in seinem Essay zur Methodologie der Kunst kreist. Im Ausgang von der augenfälligen Ähnlichkeit zweier historisch entfernter Bilder – Antonello da Messinas "Maria der Verkündigung" und August Sanders "Blindgeborene Kinder"– argumentiert Haverkamp, dass die aktuelle Relevanz der Kunst weder in ihrer Nähe zu politischen Zuständen, noch in ihrer Durcharbeitung von philosophischen Vorgaben oder lebensweltlichen Interessen zu suchen ist. Kunst wird so als Begreifensgeschichte lesbar, in der es nicht um die Bewältigung geschichtlich überkommener Schuld geht, sondern um eine bildliche Epistemologie: um die Möglichkeiten des Erkennens zugleich verborgener und historisch mächtiger Hypotheken.