Angaben aus der Verlagsmeldung

Die Krise als Medienereignis : Der 11. September im deutschen Fernsehen / von Stephan A Weichert


Im Mittelpunkt der Studie „Die Krise als Medienereignis. Über den 11. September im deutschen Fernsehen“ steht die systematische Aufarbeitung existierender Ansätze aus Ritualtheorie, Cultural Studies und Medienereignisforschung, die in ihrer theoretischen Zusammenschau und Verknüpfung einen fruchtbaren Analyserahmen komplexer Medienereignisse ergeben.
Der Autor möchte einerseits einen Beitrag dazu leisten, die Wiederentdeckung anthropologischer Ritualforschung zur Erklärung vielschichtiger Phänomene der Medienkommunikation – hier am Beispiel von Krisen im Fernsehen – theoretisch wie analytisch zu erhellen. Andererseits wird in Anbindung an eines der profiliertesten Konzepte auf dem Gebiet der Medienereignisse, den semiotischen Ansatz von Daniel Dayan und Elihu Katz, ein ritualtheoretisches Grundgerüst formuliert, das insbesondere die formal-ästhetischen und inhaltlichen Darstellungsaspekte von Medienereignissen im Fernsehen – beispielsweise Programmstruktur, Erzählperspektive und Deutungsmuster – in Beziehung zu ihrer soziokulturellen Bedeutung setzt.
Anspruch und Zielsetzung der Studie ist es daher, eine wissenschaftliche Lücke auf dem Gebiet der Medienereignisforschung mit Schwerpunkt “Krisen” am Beispiel der Darstellungen der Terroranschläge von New York und Washington im deutschen Fernsehen zu schließen. Wie der Einblick in den derzeitigen Forschungsstand innerhalb der Medien- und Kommunikationsforschung zeigt, liegt bislang keine umfassende Analyse vor, welche die TV-Berichterstattung um den 11. September 2001 herum empirisch untersucht.
In Weiterentwicklung des ganzheitlichen Ritualansatzes von Dayan und Katz wird davon ausgegangen, dass sich in Krisensituationen, wenn die Kapazitätsgrenzen des Fernsehens erreicht werden, dessen Funktionsweisen im Hinblick auf eine rituelle Bewältigungs- und Verarbeitungsleistung besonders deutlich abheben. Auf Basis dieser Erkenntnis wird im Rahmen der Studie ein eigener Entwurf einer Ritualtheorie mediatisierter Krisenereignisse gewonnen, der sowohl eine theoretische Neukonzeption in Bezug auf Krisenereignisse als auch ein empirisch anwendbares Modell hervorbringt, das sich zur hermeneutischen (‚dichten’) Beschreibung des gewählten Fallbeispiels eignet – wenngleich es sich dabei vorerst um Plausibilitätsannahmen handelt. Dieser Theorieentwurf bildet die weitergehende Grundlage für eine empirische Ritualanalyse der Darstellungen des 11. September, die auf eine Interpretation der spezifischen Präsentations- und Funktionslogiken des Fernsehens in Krisensituationen hinzielt.
Gemäß der übergreifenden Fragestellung der Studie – Wie konstruiert das Fernsehen den Übergang von der Live-Katastrophe zum Medienereignis, und wie bewältigt es aufgrund spezifischer Ritualisierungsfunktionen die Krise des 11. September bzw. bekommt es die Krise in den Griff? – liegt das Augenmerk der empirischen Untersuchung auf dem Informationsangebot des Fernsehens, insbesondere auf Nachrichtensendungen als wichtigsten politischen Informationsquellen für den überwiegenden Teil der Bevölkerung. Fluchtpunkt der sich an den Theorieteil anschließenden Analyse ist die Beobachtung, dass gerade während der ungeplanten Sonderberichterstattung bereits über einen Zeitraum von wenigen Tagen hinweg wiederkehrende Programmabläufe, bestimmte Darstellungskonventionen und andere Routinebildungen im Rahmen der Krisenberichterstattung auftreten.
In unmittelbarer Rückbindung an die zuvor diskutierten theoretischen Modelleinsichten aus Ritual- und Medienereignisforschung werden diese Merkmale unter dem Kriterium der Ritualisierung anhand einer – teils auf quantitative, teils auf qualitative Methoden gestützten – dreistufigen Programm- und Fernsehanalyse empirisch herausgearbeitet und anschließend interpretiert. Im Ergebnis zeigt sich, wie Krisenberichterstattung von spezifischen Ritualisierungsmustern geprägt sein kann und wie dadurch das Krisengeschehen auf eine Weise inszeniert und gedeutet wird, dass sich binnen kurzer Zeit beim Zuschauer der Eindruck verstärkt, die Krise sei unter Kontrolle.