In den rund drei Jahrzehnten zwischen ca. 1185 und 1215 entwickelt sich in atemberaubender Plötzlichkeit eine anspruchsvolle erzählende Hof- und Ritterliteratur in deutscher Sprache. Sie beansprucht einen Ort in den seit längerem ausgebildeten literarischen Systemen der geistlichen, der gelehrten, der lateinischen Textkultur - sie macht Ernst mit ihrer Literarisierung. Jenen Literarisierungsprozeß zu beschreiben heißt dabei jedoch auch, den Begriff der ›Literatur‹ historisch zu differenzieren. Diesem Problem des Selbstverständnisses einer Dichtung, die noch nicht und doch schon Literatur ist, stellt sich die vorliegende Studie. Sie greift zwei für die Poetik des frühen 13. Jahrhunderts zentrale medienhistorische und narratologische Fragestellungen heraus: den Status des Fiktionalen und die Entwicklung einer Erzählerstimme in den Horizonten von Buchschriftlichkeit und performativer Mündlichkeit einerseits und von Subjektivität und Autorisierung andrerseits. In Einzeluntersuchungen zu Wolframs 'Titurel' und 'Mauritius von Craûn' - konzeptuell schwer faßbaren Gattungschimären, die das genuin höfische Problemfeld der Minne narrativ ausloten - werden poetologische Voraussetzungen auf die spezifische Ästhetik und Faktur von Texten hin durchsichtig gemacht.