Warum lesen Mädchen mit Vorliebe Pferdebücher, vorzugsweise in Serienform à la „Bille und Zottel“: ein Mädchen – ein Pony? Welche Bedeutungen kommen den wiederkehrenden Handlungsmustern und -motiven zu, die entwicklungsbedingte Bedürfnisse und Sehnsüchte ihrer präadoleszenten Leserinnen offensichtlich befriedigen? Wie lässt sich das bekannte Phänomen vom pferdebegeisterten Mädchen erklären und kann die fiktive Reiterwelt die reale Beschäftigung mit dem Pferd eventuell ersetzen? Welchen Beitrag liefert das Pferdebuch mit seiner Darstellung der Geschlechter zur Bildung einer sozial bestimmten weiblichen Geschlechterrollen-Identität in unserer zunehmend von Modellen des Androgynen bestimmten westlichen Kultur? Diesen zentralen Fragen geht die sich im Schnittfeld von Literaturwissenschaft, Kinder- und Jugendbuchforschung und Literaturdidaktik bewegende Arbeit nach und durchleuchtet damit das bisher wenig beachtete Genre des seriellen Pferdebuchs. Dabei werden sozialpsychologische und pädagogische Theorien über die Bedeutung von Pferden und Pferdeliteratur herangezogen und sozialhistorische, geschlechtsspezifische und sportwissenschaftliche Perspektiven der Beziehung zwischen Mensch und Pferd dargestellt. Mit Klärung der Frage, warum in den letzten Jahrzehnten das Reiten zu einem dezidierten Mädchen-Sport geworden ist, sind die Realien für die anschließenden Textuntersuchungen bereitgestellt, die mit literaturwissenschaftlichen Ausführungen über die historische Entwicklung der Pferdethematik im Mädchenbuch beginnen und Theorien zur Trivialliteratur und der Genderforschung funktional einbinden. In detaillierten Einzelanalysen inhaltlicher Konzepte dreier exemplarischer Serien werden die unterschiedlichen, implizit vermittelten Rollenangebote aufgezeigt, die nicht frei von inneren Widersprüchen sind. Das Pferd als großes, warmes Kuscheltier und geliebter, schützender Partner fungiert im Ablösungs- und Entwicklungsprozess des Mädchens als eine Art Übergangsobjekt. Die Beschäftigung mit Pferden symbolisiert und substituiert aber noch weit mehr.