Die Merlínússpá ist ein in vieler Hinsicht einzigartiger Text: In nur einem einzigen mittelalterlichen Manuskript (der zwischen 1302 und 1310 entstandenen Hauksbók) überliefert, berichtet das altnordische Gedicht von den Prophezeiungen Merlins. Dabei wird ein lateinischer Prosatext, die sogenannten Prophetiae Merlini, nicht nur in eine andere Sprache übersetzt, sondern auch formal an die Gepflogenheiten angepaßt, die im Altnordischen für Prophezeiungen gelten. Singulär ist auch die Aufteilung eines zusammenhängenden Stoffes in zwei selbständige Gedichte. Trotz dieser Sonderstellung hat der Text bisher wenig Beachtung in der Forschung gefunden, und die maßgebliche Ausgabe ist beinahe ein Jahrhundert alt.
Die vorliegende kommentierte Edition der Merlínússpá möchte eine breit gefächerte Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Gedicht bieten: Sie stellt den handschriftlich überlieferten Text einer normalisierten Fassung gegenüber; ein Kommentar erläutert einzelne Probleme. Darüber hinaus macht die Übersetzung die Prophezeiung auch einem breiteren Publikum zugänglich.