Zwischen Goethes Venedig-Aufenthalten in den Jahren 1786 und 1790 hat die Französische Revolution Europa erschüttert. In dieser epochalen Krise erfährt Goethe das "freyere Leben" der venezianischen Republik. Er ist fasziniert von der politisch-kulturellen Öffentlichkeit und den schöpferischen Kräften, die Venedig zu einem dynamischen Staat mit einer grandiosen Kunst gemacht haben. Eindringlich reflektiert er das Phänomen Venedig vor dem Hintergrund der sozialen Spannungen im Umbruch vom Ancien Régime zur bürgerlichen Gesellschaft. Er entfaltet hellsichtige Kulturdiagnosen, die auch zu neuen ästhetischen Orientierungen führen. Im Hinblick auf diese Zusammenhänge interpretiert die vorliegende Abhandlung die Venedig-Passagen aus Goethes 'Tagebuch' und der 'Italienischen Reise', die 'Venezianischen Epigramme' und Schriften zur Malerei. Die Studie greift dazu auch auf den 'Viaggio' von Goethes Vater zurück und verfolgt zudem produktive Venedig-Reflexe bei Heine, Nietzsche und Rilke.