Angaben aus der Verlagsmeldung

Chaim Zhitlowsky : Philosoph, Sozialrevolutionär und Theoretiker einer säkularen nationaljüdischen Identität / von Kay Schweigmann-Greve


Chaim Zhitlowsky (1865–1943) erlebte den gewaltigen Modernisierungsschub des jüdischen Lebens in Osteuropa ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: Geboren in einem chassidisch-orthodoxen Elternhaus, assimilierte er sich an die revolutionäre russische Jugend, wurde Sozialrevolutionär und begründete eine säkulare, nationaljüdische Identität. Während seines Exils in der Schweiz versuchte er als Theoretiker im Umfeld Eduard Bernsteins unter Wiederaufnahme von Ideen F. A. Langes und unter Vorwegnahme popperscher Argumente die Sozialdemokratie von ihrem dogmatischen Marxismus zu lösen.
Seine eigene philosophische Position geht von einem mit Kant und dem homo-mensura-Satz des Protagoras argumentierenden radikalen Subjektivismus aus. Wie Hermann Cohen legt er bei den Voraussetzungen menschlicher Erkenntnis die Betonung auf die konstruierende subjektive Leistung des menschlichen Bewusstseins. Er postu-liert eine Relation von drei »Sphären« menschlichen geistigen Lebens, die je eigenen Paradigmen folgen: die Wissenschaft der Empirie, die Philosophie der Eigengesetzlichkeit des rationalen Denkens sowie Religion als individuell sinnstiftende kulturelle Leistung.
1910 erschien seine Philosophiegeschichte, als einzige je in jiddischer Sprache verfasste. Eine überhistorisch »wahre« Philosophie kann es nicht geben, unter sich wandelnden historischen Bedingungen formulieren die Menschen ihre philosophische Interpretation der Welt stets neu. Sein kulturpolitisches und nationales Bestreben versuchte, die traditionelle religiöse jüdische Lebenspraxis in säkulare Volkstradition zu transformieren und religiöse Texte in eine moderne Nationalliteratur zu überführen.
Eine erneute philosophische und historische Beschäftigung mit Chaim Zhitlowsky beleuchtet eine bis zur Schoah weit verbreitete Option jüdischer Identität, sein Konzept einer nicht primär territorial definierten Kulturnation hat zum Identitätsdiskurs der europäischen Nationen noch etwas beizutragen. Auch seine anspruchsvolle Kritik des Marxismus und das Beharren auf einem wertorientierten Sozialismus, das an die Handlungs- und Überzeugungskraft seiner Anhänger appelliert, bleiben aktuell. Seine originellen philosophischen Ansätze verdienen als eigenständiges Phänomen im Umfeld des Neukantianismus Beachtung, gleiches gilt für sein säkulares Konzept von Judentum.