Die Vernunft ('aql) und ihre Bedeutung für das historische Verständnis des Kulturerbes (turat) bilden in der zeitgenössischen arabisch-islamischen Philosophie eines der Zentralthemen, die unter arabischen Intellektuellen für eine kontroverse Debatte um den Umgang mit dem überlieferten Kanon sorgen. Diese Debatte gewann mit der Veröffentlichung des vierbändigen Werkes Naqd al-'aql al-'arabi (Kritik der arabischen Vernunft) des marokkanischen Philosophen Muhammad 'Abed al-Gabiri (1936-2010) eine beispiellose Dynamik. In diesem Werk geht es a priori darum, wie das eigene Kulturerbe „rational“ bzw. „philosophisch“ verstanden werden kann, sodass mit den Ideologien überlieferter Erkenntnislehren epistemologisch gebrochen werden kann. Trotz der zahlreichen Reaktionen bedeutender Intellektueller im arabischen Kulturraum ist es bisher in Europa weitgehend unbekannt.
Das Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit besteht darin, der deutschsprachigen Leserschaft Zugang zu al-Gabiris Konzept einer „arabischen Vernunft“ und der damit zusammenhängenden Debatte zu verschaffen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie al-Gabiri seine „rationalistische“ Lesart des Kulturerbes begründet und welche Ziele seine Argumentationsstränge verfolgen.