Angaben aus der Verlagsmeldung

Auf den Ruinen der Imperien : Erzählte Grenzräume in der mittel- und osteuropäischen Literatur nach 1989 / von Alexander Chertenko, Johannes Kleine, Tamila Kyrylova, Christoph Maisch, Erik Martin, Andree Michaelis-König, Maryna Orlova, Jolanta Pacyniak, Anna Pastuszka, Ana-Maria Schlupp, Varga, Peter, Ievgeniia Voloshchuk


In Mittel- und Osteuropa kam es im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Herausbildung einer auffälligen Anzahl an Regionen und Territorien, die durch nationale, territoriale, kulturelle und andere Grenzziehungen nachhaltig geprägt wurden. Durch den Zerfall des Habsburger Reichs, des Deutschen Reichs und der Sowjetunion entstanden ‚Grenzräume‘ wie Galizien, die Bukowina, das Banat, die Walachei und die ungarische Provinz. Sie alle zeichneten sich dadurch aus, dass sie für jeweils bestimmte historische Phasen eine gewisse Vielfalt an Ethnien, Religionen und Kulturen bargen, die nebeneinander und auch miteinander existieren konnten, dann aber aufgrund hegemonialgeschichtlicher Entwicklungen zerteilt, neu bestimmt oder anders modifiziert wurden. Die Alltagspraxis in diesen Räumen muss als eine spannungsgeladene und konfliktreiche verstanden werden. Sie lässt sich bei aller Brisanz aber auch als ein durchaus erprobter Zusammenhang beschreiben.
Auf den Ruinen der Imperien liefert erstmals einen systematischen Überblick über die verschiedenen dezidiert literarischen Formen der Auseinandersetzung mit diesen Grenzräumen in Mittel- und Osteuropa nach 1989 und konstituiert damit eine erste literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung im Forschungsfeld der Border Studies, das sich bislang kaum mit Literatur befasst hat. In den Beiträgen werden Werke von Jurij Andruchowytsch, Joanna Bator, Maria Matios, Herta Müller und weiteren polnisch-, ukrainisch-, ungarisch- und deutschsprachigen Autor*innen analysiert, deren Handlung in solchen Regionen spielt oder die sich auf anderer Ebene mit dem Phänomen der grenzbestimmten Erfahrung in Mittel- und Osteuropa befassen. Dabei erweist sich Literatur als ein besonderer Reflexionsort von Grenzerfahrungen, die sie darstellt und zugleich interpretiert. Sie fordert ein genaues Geschichtsbewusstsein ebenso heraus, wie sie dazu einlädt, eingespielte Rollen, Diskurse und Narrative zu hinterfragen; sie zeigt die tröstende Kraft manch verbrauchter Ideologeme mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie sie strengste Ideologiekritik betreibt. Die Literatur, mit der sich die Beiträge befassen, wird so zum Ausgangspunkt einer vielschichtigen und notwendig interdisziplinären Auseinandersetzung mit der ebenso abgründigen wie reichen Geschichte und Gegenwart einer dezidiert europäischen Erfahrungswelt.