Nach 1945 stand die theologische Ethik vor der Herausforderung, sich einen konstruktiven Zugang zum politischen System der Bundesrepublik zu verschaffen. Die Alternativen der Vergangenheit waren diskreditiert und der Weg in die Zukunft ungewiss. Georg Kalinna nimmt ausgewählte Entwürfe der evangelisch-theologischen Ethik in den Blick, um zu zeigen, wie die politische Ethik der 1950er und 1960er Jahre auf diese Herausforderung reagiert hat. Hierbei unterscheidet er verschiedene Konstellationen theologischer Deutungen des politischen Systems. Die Darstellung und Interpretation dieser Konstellationen dienen der zeithistorischen Aufarbeitung politischer Denkmuster in der frühen Bundesrepublik und damit auch der Auslotung systematischer Potentiale für eine gegenwärtige Hermeneutik des Politischen. So erscheint die politische Ethik der frühen Bundesrepublik nicht lediglich als ein defizitäres Vorwort zum Durchbruch der Demokratiedenkschrift (1985), sondern als eine eigenständige Denkleistung, die sowohl der christlichen Sprachwelt als auch der sozialen Wirklichkeit Rechnung trägt.