Angaben aus der Verlagsmeldung

Michelangelo / von Gilles Néret


Zwischen irdischen Leidenschaften und Gottesfurcht

Bedeutende homosexuelle Persönlichkeiten, Leonardo da Vinci und Botticelli, Michelangelo und Raffael, sorgten im Zeitalter der Renaissance für umwälzende Veränderungen der Kunst. Immer präziser vermochten sie die Natur nachzubilden, arbeiteten sie aber zugleich nach ihrem eigenen Geschmack um. So schufen sie mit ihrer Kunst mehrdeutige Wesen, halb Mann, halb Frau. Da gab es männliche Büsten mit weiblichen Brüsten oder unter den Augenlidern einer Madonna blitzte der Blick eines jungen Mannes auf.

Michelangelo litt von frühester Jugend an und wandelte dieses Leiden in künstlerische Produktivität. Er versuchte, die ihn beherrschenden und offensichtlich einander bekämpfenden Mächte miteinander zu versöhnen: seine irdischen Leidenschaften und seine Gottesfurcht. So schuf Michelangelo sein der himmlischen wie der höllischen Schönheit huldigendes Werk zu Ehren Gottes. Bis heute ist es unvergleichlich. Seine Vorläufer trachteten danach, dem Himmel durch Glauben näher zu kommen. Michelangelo versuchte, dies durch kontemplative Erhebung der Schönheit zu erreichen—sogar in der päpstlichen Sixtinischen Kapelle. Das brachte ihm den Spott prüder Kritiker ein, die ihm vorwarfen, an einem der Religion geweihten Ort Heidnischem zu huldigen, und so verhüllten sie die delikaten Stellen seiner Titanen mit aufgemalten "Schurzen".

Michelangelo war dazu verflucht, als ein Koloss seine Zeit zu überragen und ihr fern zu stehen. Es liegt in der Natur eines Kometen, den Schauenden in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Spektakel seines Glanzes kann ein empfindsames Auge blenden.