Der 1890 in Marburg/Lahn geborene und nach einem wechselvollen Lebenslauf mit Stationen u. a. in Berlin, Heidelberg, Frankfurt/Main, Florenz, Athen, Kairo und Jerusalem 1956 auf Rhodos verstorbene Essayist, Literaturübersetzer und Ethnologe Helmut von den Steinen ist einer breiteren literarischen Öffentlichkeit heute vor allem durch seine Übertragungen aus dem Neugriechischen bekannt. So hat etwa seine Ausgabe der Gedichte von Konstantinos Kavafis, die erstmals 1953 im Suhrkamp-Verlag erschien, geradezu klassischen Status erlangt und gilt bis in die Gegenwart als "außerordentliche poetische Leistung" (Chryssoula Kambas). Aber auch seine Übersetzung der Werke und Tage Hesiods (1930) sowie einige seiner essayistischen und kulturwissenschaftlichen Studien - zu so unterschiedlichen Themen wie der Entwicklung des deutschen Buchmarkts zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dem deutsch-bulgarischen Kulturaustausch oder der Geschichte der westeuropäischen Musik - werden gelegentlich noch zitiert. Historiker des George-Kreises wissen zudem um seine zeitweilige Zugehörigkeit zum Umfeld von Karl Wolfskehl, Friedrich Wolters und Wolfgang Frommel.

Neben seinen publizierten Schriften hat Helmut von den Steinen aber auch ein umfangreiches Werk geschaffen, das - bedingt nicht zuletzt durch sein langjähriges Exil und den zeitweiligen Abbruch aller beruflichen Kontakte in den deutschsprachigen Raum - bislang unveröffentlicht blieb. Eine Sonderstellung unter diesen nachgelassenen Arbeiten nehmen ohne Zweifel eine Reihe von Übertragungen aus dem Corpus Platonicum ein, die sich durch ihre metrische Form und szenische Akzentuierung fundamental von allen anderen bisher vorgelegten deutschen Platon-Übersetzungen unterscheiden. Dabei beeinträchtigt der Bruch mit der stilistischen Konvention keineswegs die Wiedergabe der Sachebene der Originaltexte. Die genaue Nachvollziehbarkeit der jeweils gebotenen philosophischen Argumentation bleibt immer gewahrt.

Der Queich-Verlag legt nun erstmals eine Ausgabe dieser Übertragungen sowie einiger noch unveröffentlichter kurzer, gleichsam an ihrem Rand entstandener essayistischer Skizzen und Exposés vor, die näheren Einblick in die Grundzüge des umfangreichen Platon-Buchs gewähren, an dem Helmut von den Steinen offenbar bis kurz vor seinem Tod arbeitete. Die wichtigste Textgrundlage bildet dabei der Nachlass Helmut von den Steinens im Archiv Reimar Schefold (Amsterdam) sowie ergänzend einige überwiegend fragmentarisch erhaltene Übersetzungen aus den Beständen des Stefan George-Archivs in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Konzipiert ist die von Torsten Israel herausgegebene Edition als Reihe von handlichen Einzelbänden im Umfang von 60-120 Seiten, die bei Auffindung weiterer Teilnachlässe - eine Anzahl dem Titel nach bekannter Schriften und auch Platon-Übersetzungen Helmut von den Steinens muss vorläufig als verschollen gelten - entsprechend erweitert werden kann. Jeder Einzelband enthält einen Anhang mit Angaben zur Textüberlieferung und gegebenenfalls zu Lesarten. Eine umfassende Studie des Herausgebers zu Entstehung, Poetik und literatur- bzw. geistesgeschichtlichem Kontext der Übertragungen beschließt die Reihe. Unter dem Vorbehalt der Finanzierung ab dem zweiten Titel sind bisher folgende Bände vorgesehen:

- Kleitophon (Übersetzung)
- Theages (Übersetzung)
- Eine Einführung bei Sokrates (Essay)
Erscheinungsdatum: März 2012

- Menexenos (Übersetzung)
- Das Gastmahl (Übersetzung)
- Alkibiades 1 (Übersetzung, Fragment)
- Vorspiel zum Staat (Übersetzung, Fragment)
- Platonische Sinngedichte
- Die Sokratische Offenbarung Platons (Essay/Exposé)
- Torsten Israel: Die Übersetzungspoetik Helmut von den Steinens

Seit etwa zwei Jahrzehnten ist in literarischer Öffentlichkeit und Wissenschaft ein ständiges Wachsen des Interessens an Theorie und Praxis des Übersetzens literarischer und geisteswissenschaftlicher Texte zu beobachten. Vor diesem Hintergrund möchte der Queich-Verlag mit der Edition der Platonica Helmut von den Steinens sowohl allgemein der Dichtung und Antike zugewandte Leser ansprechen, als auch an den fachlichen Diskurs universitärer Disziplinen wie der Komparatistik, der Klassischen Philologie und der Translationswissenschaft anknüpfen. Zugleich rechnet er auf die Aufmerksamkeit von Germanisten und Philosophiehistorikern, bringen die neu vorgelegten Übertragungen doch eine überraschende Erweiterung des bisher gewonnenen Bildes zur Platon-Rezeption im Umfeld Stefan Georges.