Im Laufe ihrer Geschichte standen das alte Ägypten und das alte Israel/Juda in regelmäßigem Kontakt. Ägypten war für Israel als Nachbarland jenseits der Landbrücke des Nordsinai ein wichtiger politischer und kultureller Bezugspunkt. Der ägyptische Einfluss auf Israel und die Levante war im gesamten 1. Jahrtausend v. Chr. intensiv – ein Gebiet, das in der vorangegangenen späten Bronzezeit (1550–1100 v. Chr.) eine ägyptische Provinz gewesen war. Der kulturelle Dialog zwischen den beiden Regionen fand durch Bevölkerungsbewegungen sowie Handel und Diplomatie statt. Betrachtet man nun die Prophetie, gestaltet sich der Vergleich schwieriger, da hier einer der bereits erwähnten literarischen Unterschiede zu bestehen scheint: Obwohl das alte Ägypten sich intensiv mit Wahrsagerei in ihren vielfältigen Formen beschäftigte, wurden prophetische Äußerungen – zumindest soweit die Quellenlage es zulässt – im Allgemeinen nicht aufgezeichnet oder gesammelt. Dies hat viele zu dem Schluss geführt, dass es in Ägypten keine Prophetie gab; und wenn es in Ägypten keine Prophetie gab, womit ließe sich dann vergleichen? Der vorliegende Band möchte die vielfältigen Einflüsse des Wissens über das alte Ägypten auf die Entstehung der Hebräischen Bibel und dessen Bedeutung für deren Interpretation neu beleuchten. Die hier versammelten Studien erweitern unseren Wissensstand zu divinatorischen Praktiken, verfeinern unsere vergleichende Methodik und zeigen auf, wie ägyptologische Daten unser Verständnis der wichtigsten Propheten der Hebräischen Bibel prägen. Zusammengenommen regen sie zu weiterführenden Forschungen in verwandten Bereichen an. Es ist zu hoffen, dass diese Perspektiven künftig stärker in das Gesamtbild der altorientalischen Religionen integriert werden.