Kulturgüter und Gerechtigkeit: Die juristische Dekonstruktion des kolonialen Erbes

Die Frage nach der Herkunft und Rückgabe kolonialer Sammlungsgüter ist nicht nur eine moralische, sondern vor allem eine tiefgreifende juristische Herausforderung. Das Buch schließt die vorhandenen Lücken in der Analyse der rechtlichen Vergangenheit und Zukunft dieser Kulturgüter und liefert die dringend benötigte Grundlage für eine sachliche Auseinandersetzung. Es ist ein unverzichtbarer Kompass für alle, die in der komplexen Debatte um koloniales Erbe Orientierung suchen.

Die Rekonstruktion des kolonialen Unrechts

Der erste Teil der Arbeit widmet sich der akribischen Rekonstruktion des Erwerbs von ethnologischen und archäologischen Stücken in den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika. Hier wird erstmals systematisch dargelegt, wie Eigentum an diesen Objekten unter den Bedingungen des deutschen Kolonialrechts übertragen wurde – von Plünderungen im Rahmen von Strafexpeditionen über den rechtsgeschäftlichen Erwerb bis hin zum Schatzfund, wie im Fall der berühmten Tendaguru-Expedition.

Die entscheidende Erkenntnis: Auch wenn viele Erwerbsvorgänge dem damaligen Kolonialrecht entsprachen, beruhte dieses Rechtssystem auf einem fundamentalen strukturellen Unrecht und einem massiven Machtungleichgewicht zwischen Kolonialherren und kolonialisierten Gesellschaften.

Die Zukunft gestalten: Der Weg zum Restitutionsgesetz

Der zweite Teil der Dissertation blickt in die Zukunft und analysiert die aktuelle Rechtslage auf internationaler und nationaler Ebene. Er befasst sich mit den praktischen und politischen Konsequenzen. Anhand des Völkervertragsrechts und des internationalen Gewohnheitsrechts beleuchtet die Arbeit die internationalen Verpflichtungen Deutschlands. Es wird ferner aufgezeigt, dass das deutsche Zivilrecht durch Hürden wie den gutgläubigen Erwerb und die Verjährung eine schnelle Restitution fast unmöglich macht.

An diesem Punkt setzt die Arbeit eine bahnbrechende juristische Methodik ein: die kritische Beleuchtung des Prinzips der Intertemporalität des Rechts. Nach Gustav Radbruch tritt Recht dem Unrecht gegenüber zurück, wenn der Widerspruch zur Gerechtigkeit ein unerträgliches Maß erreicht. Die Autorin überträgt diesen Grundsatz der Rechtsphilosophie auf koloniale Gewaltkontexte. Das Ergebnis ist eine zwingende juristische Argumentation: Erwerbe, die auf unerträglichem kolonialem Unrecht beruhen, sind nach heutiger Rechtsauffassung nichtig.

Die zentrale Forderung: Um das koloniale Unrecht wirksam aufzuarbeiten, ist die Schaffung eines eigenen Restitutionsgesetzes unerlässlich. Die Arbeit skizziert die notwendigen Schritte für solch eine Gesetzgebung.

Dieses Werk ist unverzichtbar für alle, die eine rechtliche Einordnung der kolonialen Restitutionsdebatte suchen: Juristen, Historiker, Museologen, Kulturpolitiker und Entscheidungsträger in Bund und Ländern. Es bietet nicht nur eine tiefgehende Analyse der Vergangenheit, sondern auch einen klaren, juristisch fundierten Fahrplan für eine gerechtere Zukunft des kolonialen Erbes.