Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld (1868–1958) war Volkswirt und Philosoph – geboren in Wien, nach Stationen in Heidelberg, Brünn, München, Hamburg, Kiel, Berlin und Graz starb er in Frankfurt am Main. Sein Werk ist nur schwerlich einer »Schule« oder einem Kanon zuzuordnen, gleichwohl es bedeutende Spuren hinterließ: von den österreichischen Ökonomen um 1900 (Böhm-Bawerk, Schumpeter) sowie in der Tradition der Älteren deutschen Historischen Schule (vor allem von Knies) geschätzt und von Max Weber kritisch gewürdigt. Im philosophischen Diskurs rückte Gottls Werk als Fußnote in Heideggers Sein und Zeit (1927) ein und besaß eine Nähe zu der vom späten Wilhelm Dilthey, Georg Misch und Otto Friedrich Bollnow begründeten Lebensphilosophie.Gegen die Formalisierung der Präferenzen (subjektiver Nutzen und Wert, methodologischer Individualismus) als Grundlage moderner Ökonomie und gegen das Weggleiten der Wirtschaft aus den existenzialen Verflechtungen formulierte Gottl eine Ökonomie im Namen des Geschehens und Lebens, wobei das Sein dem Geschehen bloß »tributär« sei. Andererseits versteht er Volkswirtschaft aber auch nicht als Anrufung eines »Volks« in »flachmetaphysischer« Absicht eines Othmar Spann, den Gottl selbst habilitierte. Die Wertschöpfung, also das Leben selbst, gehe weder aus bloß individuellen Bemühungen noch einem »Volk« hervor, sondern entspringe den zahlreichen Relationen von Lebensnot und -zwietracht. In den 1920er-Jahren analysierte Gottl mit größtem Aufwand den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Technik (Fordismus, Taylorismus). In seinen Schriften während des Nationalsozialismus (Gottl war ab 1937 NSDAPParteimitglied, 1938 wurde ihm die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen) finden sich einige wehrwirtschaftliche Erwägungen; völkisch, rassisch sind diese nicht, weshalb auch seine Tätigkeit im »Forschungsinstitut für Deutsche Volkswirtschaft« in Mariatrost/Graz in den 1940er-Jahren vom Amt Rosenberg »mit Bedenken betrachtet« wurde.Durch Wirtschaft, Technik, Sprache und Philosophie verstelltes Leben (Krisenphänomene nicht zuletzt in den 1920er-Jahren, als Gottl für den Völkerbund tätig und auch Mitgründer der Davoser Hochschulkurse war) ist für Gottl wesentlich Praxis. Eine Praxis, deren Vermögen für »jedermann auszuwuchten«, also zu ermöglichen und zu befördern sei.