Stolbergs Existenz ruht auf der Arbeit und dem Einsatz vieler Generationen: auf dem Handel der Kupfermeister, der Arbeit der Tuchmacher, aber auch und vor allem auf der Arbeit Abertausender von Handwerkern, Arbeitern, genauso vielen Frauen, deren Einsatz aber von mir nicht hoch genug gewertet worden ist auf Grund der Quellenlage. Die Arbeiterorganisationen haben für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte gekämpft. Die Nazis in ihrem Größenwahn haben diese auslöschen wollen, haben sie und Millionen von Leben zerstört. Wer dagegen im Widerstand mit Worten und Taten und zum Schutz der Mitmenschen und der Freiheit aufbegehrte, der wurde von der Diktatur gebrandmarkt mit dem Ziel, sich entweder zu ducken oder beseitigt zu werden. Wer sich aber unter solchen Umständen widersetzte, tat Großes, selbst wenn er meinte, nur „eine Kleinigkeit“ zu leisten oder wenn er der Gewalt unterlag. Der Widerständler hat Botschaften hinterlassen und mit seinem Vorbild auf Dauer für ein verändertes Bewusstsein gesorgt. Nachfolger werden die Spuren finden und sich an ihnen orientieren, wenn ihre Zeit sie braucht. Für mich waren die Geschwister Scholl und auch Willi Brandt Vorbilder im Widerstand. In Stolberg war es Ludwig Lude, der mein Interesse am lokalen Widerstand weckte. Auch einige Bücher bestätigten dieses Interesse, unter anderem das Manuskript der sehr detailreichen Staatsarbeit von Jürgen Küppers „Arbeiterwiderstand und –verfolgung im Grenzland. Aachen 1933 – 1945“. Ich sammelte Notizen zum Arbeiterwiderstand zunächst im Stolberger Stadtarchiv, aus dem ich auch viele Jahre lang schöpfen konnte, bis die Überschwemmung das Archiv leerspülte. Ich interviewte allerdings weiter StolbergerInnen mit „Vergangenheit“ und sammelte Vergangenheit auch in den großen Archiven wie dem ITS Arolsen oder dem Landesarchiv in Duisburg, wurde auch fündig in den Archiven ehemaliger Konzentrationslager wie z. B. Sachsenhausen oder Ravensbrück. In Stolberg wurde ich vor allem von Ludwig Reinartz beraten, dem Enkel des von mir geschätzten Ludwig Lude. Anfang der 90er Jahre führte mich Willi Breuer zu den Nachkommen der kommunistischen Widerständler und verhalf mir zu Fotos. Eine Lehrerin aus Bonn, Maria Hostert, motivierte mich in meinem Tun, denn sie arbeitete an einem Buch über Arbeiterwiderstand. Wir freundeten uns an, und als die Volkshochschule Stolberg eine Ausstellung über Verfolgung und Widerstand in Stolberg zeigen wollte, übergab sie mir Lebensläufe und Fotos von ihrem Vater und einigen Genossen, die alle im Widerstand gewesen waren. Daraus wurde eine mich verpflichtende Hinterlassenschaft, die ich traurig annahm, denn 1 Jahr später starb sie. Da ich auch jahrelang Artikel von Dr. Manfred Bierganz gesammelt hatte, war Material vorhanden, das ich für diese Veröffentlichung benutzt habe.
Einige Töchter, Söhne, Enkel und Enkelinnen, die sich an das Erbe ihrer Väter und Großväter erinnern und es auch ehren wollten, fand ich später noch. Das traf nicht auf die Kirche zu: Für mich war sie ein neues Untersuchungsfeld, auf dem ich reichlich Spuren von Verfolgung, aber auch von Widerstand fand. Personen, die zum Beispiel Mitglieder der von den Nazis gehassten katholischen Sturmschar oder Pfadfinder gewesen waren, haben für die Nachwelt Zeugnisse hinterlassen. Was Pastöre oder Kapläne betrifft, so fand ich Dokumente wie die Examensarbeit über Fritz Keller von seinem Großneffen, Kaplan Georg Wolkersdorfer. Im Bischöflichen Generalvikariat gab es ebenfalls Erschütterndes zu lesen.
In diesem Buch sollen jetzt Nachkommen und Interessierte gesammelte Spuren finden, einige ausführlich, aber in der Liste im Anhang findet man noch über 100 Lebensdaten von Stolberger Menschen, die auch unter der Nazi-Diktatur gelitten haben. Die Menschen heute könnten zu Recht mit Stolz auf den Mut der vielen blicken, die vor ihnen lebten; sie könnten Stärke entwickeln, ihnen nachzustreben, voller Respekt für Werte wie Freiheit, Menschenwürde und Demokratie und um Angriffe darauf abzuwehren.