Mehr als die anderen kanonischen Evangelien rekurriert das Lukasevangelium auf die Figur des Stammvaters Abraham, etwa in den Erzählungen von der „Tochter" und dem „Sohn Abrahams" oder von „Abrahams Schoß". Dennoch gilt die lukanische Abrahamrezeption im Vergleich mit Paulus als wenig originell. Eva-Maria Kreitschmann zeigt allerdings, dass der dritte Evangelist ein ganz eigenes theologisches Interesse an der Figur Abrahams hat und ihm durchaus eine spezifische Funktion im Erzählverlauf des Evangeliums zukommt. So ist die Abrahamrezeption des Lukas als Aktualisierung einer jüdischen Abrahamtheologie zu lesen. Diese kreist um Motive wie die Erfüllung des Abrahambundes als Rettung aus Bedrängnis, erneuerte Gerechtigkeit und wiederhergestellte Gottesbeziehung in Israel. Lukas entfaltet dieses Thema jedoch nicht punktuell, sondern spinnt geradezu einen Abraham-Erzählfaden, durch den die Jesusgeschichte im Sinne einer jüdischen Abrahamtheologie ausgelegt wird.