Megan Turton setzt sich mit zwei zentralen fachwissenschaftlichen Konsensen auseinander: dass biblische Gesetzessammlungen - wie ihre altorientalischen Gegenstücke - ursprünglich nicht als bindende Gesetzesquellen fungierten und dass die Textgestalt der Tora bis in die Zeitenwende hinein fluid und pluriform blieb. Vor diesem Hintergrund macht sie auf ein vernachlässigtes Problem aufmerksam: wie textuelle Instabilität die Charakterisierung biblischen Rechts beeinflusst. Durch die Fokussierung auf rechtliche und narrative Varianten in den hebräischen Handschriften von Ex 19-24 - einschließlich des Samaritanischen Pentateuch, der biblischen Qumranrollen und des 4QReworked Pentateuch - bewertet die Autorin neu, inwieweit ein „Gesetzeskodex"-Modell die Rolle des Rechts in der späten Zeit des Zweiten Tempels beschreiben kann. Zunächst skizziert sie Debatten über Wesen und Funktionen keilschriftlicher und biblischer Sammlungen und betont, wie moderne europäische Vorstellungen erschöpfender, kohärenter und begrenzter schriftlicher Gesetzgebung die wissenschaftlichen Erwartungen prägen. Unter Rückgriff auf Rechtstheorie und die Arbeiten von Fernanda Pirie in Rechtsanthropologie, Rechtsgeschichte und vergleichendem Recht entwickelt sie eine alternative Konzeption rechtlicher Schriftlichkeit: „Legalismus" als ein System der Sinnbildung, das weder von stabiler Textgestalt abhängt noch von der Ausschließung anderer normativer Quellen wie Brauch, älterem Recht, mündlicher Tradition oder religiöser Erzählung. Durch die Analyse und den Vergleich von Umfang und Qualität rechtlicher und narrativer Varianten zeigt Megan Turton, dass rechtliche Texte, obwohl sie gegenüber narrativen eine etwas geringere Vielfalt aufweisen, dennoch erheblichen Wandel durchlaufen und innerhalb breiterer ideologischer, theologischer und literarischer Rahmen gedeutet werden. Dies stellt die Angemessenheit gesetzgeberischer Modelle und einer literalistischen Auslegung zur Beschreibung biblischen Rechts in der späten Zeit des Zweiten Tempels und darüber hinaus infrage.