Der Brite Harry Heath leitete von April 1945 bis Juni 1947 das Hanauer DP-Lager in der Francois-, Hutier- und Hessen-Homburg-Kaserne. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-Army für befreite Zwangsarbeiter, KZ-Überlebende und ehemalige Kriegsgefangene als sogenannte „Displaced Persons“ eingerichtet und unter Verwaltung der UNRRA gestellt.
Heaths Tagebuch ermöglicht zum ersten Mal einen umfassenden Einblick in die Verwaltung des Lagers, in die Schwierigkeiten der Versorgung von anfangs 10.600 Menschen mit Unterkunft, Nahrung und medizinischer Betreuung. Es lässt die Konflikte im Zusammenleben der unterschiedlichen nationalen Gruppen erkennen und führt die spannungsreiche Entwicklung der Beziehung zwischen Lagerleitung und Militärverwaltung vor Augen. Zugleich zeigt es die Auswirkungen der großen politischen Entscheidungen der Siegermächte auf die Alltagsabläufe vor Ort.
Mit den Neuzugängen von baltischen Flüchtlingen und jüdischen Verfolgten aus Osteuropa beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Lagers. Esten, Letten und Litauer stellen nun die größte Gruppe der Lagerbewohner dar. Ihr gemeinsames Ziel ist die Befreiung ihrer Heimatländer aus der Dominanz der Sowjetunion und die Rückkehr aller geflüchteten Landsleute in eine befreite Heimat. Dieser Mission dient auch die Bewahrung ihrer nationalen Identität durch die Pflege von Tradition und nationaler Kultur während des Lageraufenthalts. Als UNRRA im Juni 1947 die Verwaltung des Lagers beendet, ist das Ziel noch lange nicht erreicht. Mehr als 5.000 Balten leben weiterhin als DPs in den Kasernenunterkünften, jetzt in der Hoffnung auf baldige Auswanderungsmöglichkeiten in Staaten der freien Welt, von wo aus sie den Kampf um die Rückgewinnung ihrer Heimatländer fortsetzen.
Mit einzigartigen zeitgeschichtlichen Dokumenten öffnet das Buch den Zugang zu einer Welt, die dem Blick der lokalen Bevölkerung über Jahre hinweg verschlossen war.