Im Roman über die Thomallas rückt Frank Trommler das Schicksal des sächsischen Wirtschaftsbürgertums in seinem Auf- und Abstieg ins Blickfeld. Mit dem erfolgreichen Aufbau einer weitbekannten Schuhfirma im Erzgebirge erlangt Eugen Thomalla in Chemnitz Prominenz und im Berlin der zwanziger Jahre Weltläufigkeit. Er gewinnt die lebenslustige, wesentlich jüngere Dorothee zur Ehefrau, die sich in der Kleinstadt nur mühsam einlebt, dann aber in den Herausforderungen durch das NS-Regime, die bis in die Familie hineinreichen, durch Krieg, Flüchtlingswelle und russische Besatzung ihre Selbstständigkeit als Chefin erwirkt. Während Eugen, von Kriegsdienst und russischer Gefangenschaft zermürbt, seine Lebenskraft verliert, bewährt sie sich in der Erhaltung der ihr überantworteten Welt. Bis sie sich davon löst und mit der Flucht in den Westen glaubt, die alte Welt hinter sich lassen zu können. Es sind nicht nur ihre Kinder, die ihr bezeugen, dass das nicht gelingen kann.

Zunächst präsentiert “Dorothee oder das Nachleben der alten Welt” die alte Welt in den Stationen industriellen Aufbaus einer Massenfabrikation von Schuhen. Mit ihr bewährt sich Eugen Thomalla in den Unruhen der Weimarer Republik und findet in der neuerlich zu Geld gekommenen Bürgergesellschaft von Chemnitz Konkurrenz, Anerkennung und — seine zukünftige Frau. Später verliert diese Welt aus der Perspektive der jungen Ehefrau Dorothee trotz weiterer geschäftlicher Erfolge angesichts der Macht des NS-Regimes viel von ihrer Dominanz. Nach Kriegsende findet sich Dorothee, zunächst gegen ihren Willen, in der Verpflichtung gefangen, diese Welt und ihre Lebensformen gegen die Auflagen von Besatzung und kommunistischer Herrschaft zu verteidigen. Das kann nur eine Zeitlang gelingen.

Drei andere Charaktere spielen wichtige Rollen. Zentral ist Thomallas Freundschaft mit einem seiner jüdischen Vertreter, Erwin Krotwald in Berlin, den er bis 1938 im Geschäft hält. Krotwald verhilft ihm in den zwanziger Jahren dazu, den Provinzhabitus abzustreifen. In Krotwalds Schicksal der dreißiger Jahre, eine anerkannte bürgerliche Existenz zu verlieren, werden Schatten erkennbar, die später auch nichtjüdischen Bürgern mit dem fatalen Folgen von Nationalsozialismus, Krieg und kommunistischer Machtübernahme drohen.
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Eine Gegenrolle spielt Eugens Schwager Otto Zwiemann, Besitzer einer kleinen Emaillefabrik im selben Ort, der ihm als Mitglied der erweiterten Familie zum Stachel im Fleisch wird, nachdem er sich früh den Nationalsozialisten anschließt. Ein ambitiöser Kleinunternehmer mit Doktortitel, dem der Ort zu eng wird und der seinen Willen zu Großem mit kühnen Bergsteigertaten auslebt. Unter der Decke bürgerlichen Wohlverhaltens entbrennt der Kampf zwischen ihm und Eugen, den seine „Gegen“-Matterhorn-Besteigung an die Grenzen der Kräfte führt. Dorothee steht diesem Kampf als einer Männersache zornig und hilflos gegenüber. Sie ahnt, dass Eugen bei der Abwehr der Nazi-Intrigen unterliegen wird.

Für Dorothee entpuppt sich die Frau des Amtsrichters, Wilhelmine Wildermuth, die zunächst als Hüterin nationalkonservativer Bürgerlichkeit erscheint und sie als gesellschaftliches Leichtgewicht abtut, als eine inspirierende und kompetente Mentorin. Sie ist die Einzige, die ohne politische Scheuklappen die Übersicht über das behält, was in einem solchen Leben für eine selbstständige Frau wichtig ist.

Mit der Darstellung der Region zwischen Dresden, Chemnitz und dem Erzgebirge eröffnet dieser Roman die fast vergessene Geschichte vom Aufstieg des sächsischen Wirtschaftsbürgertums, das sich in den dreißiger Jahren vielfasch — aber nicht immer — dem Nationalsozialismus verschrieb. Es ist kein Nostalgie- oder Erinnerungsroman, der das verflossene Bildungsbürgertum à la Thomas Mann zurückruft, sondern eine fesselnde Darstellung dieser für das industrielle Deutschland kennzeichnenden Gesellschaftsschicht, die in Sachsen eine eigene kulturelle Dynamik entwickelte.