Karl Jaspers schrieb Die Schuldfrage im Jahr 1946 — im Schatten von Vernichtungskrieg, Shoah und dem Zusammenbruch aller staatlichen Ordnung. Sein Versuch, die Schuld der Deutschen in vier präzise Kategorien zu fassen, gehört zu den einflussreichsten und zugleich umstrittensten Texten der deutschen Nachkriegsphilosophie.
Richard Hörner unterzieht dieses Werk einer kritischen, philosophisch fundierten Neulektüre. Er fragt, was Jaspers wirklich meinte — und was er verschwieg. Er zeigt, wie die vier Schuldbegriffe (kriminell, politisch, moralisch, metaphysisch) einerseits ein scharfes analytisches Instrument darstellen, andererseits aber subtile Entlastungsstrategien ermöglichen, die Jaspers selbst vielleicht nicht beabsichtigte. In einem eigenen Exkurs stellt Hörner Jaspers in den Dialog mit Hannah Arendt und Günther Anders — und macht damit sichtbar, wie verschieden die Antworten auf dieselbe Frage ausfallen können.
Darüber hinaus fragt Hörner nach der Aktualität: Was sagt Jaspers uns heute — angesichts postkolonialer Debatten, der Klimakrise und globaler Ungleichheit? Ein Buch, das philosophische Präzision mit kritischer Schärfe verbindet und zeigt, dass die Schuldfrage längst nicht beantwortet ist.